"Wir waren Außenseiter"

23.04.2015

Aus den "Kieler Nachrichten" vom 23.04.2015

Kleinflintbek. Der Stuhl, von dem der Anzugsträger springt, muss rot sein, sehr rot: Peter Nagel koloriert gerade eine Mezzotinto-Radierung für eine Ausstellung in der Berliner Galerie Pfundt. Am 1. Mai werden sich dort in der Knesebeckstraße fünf Künstler versammeln, die Mitte der Sechziger zu neuen Ufern aufbrachen: 50 Jahre Gruppe Zebra sollen gefeiert werden. Das Kieler Gründungsmitglied Peter Nagel erinnert sich an die Anfänge.

Von Maren Kruse

"So langsam komme ich ins Zeitzeugen-Alter", sagt Peter Nagel eine Spur amüsiert, legt den langen Pinsel beiseite und hängt die blaue Schürze an den Haken. 50 Jahre Gruppe Zebra, was für eine Zeit! Nein, es werde keine große Sache daraus, dämpft Nagel hohe Erwartungen an Retrospektiven. Die große Schau 2005 zum 40-Jährigen in der Stadtgalerie Kiel, die anschließend in Viersen und dann in der Hamburger Akademie der Künste ungeheuer viel Publikum anzog, das sei eine große Kraftanstrengung gewesen. "Das macht man nicht alle zehn Jahre." Aber in Berlin beim "Gallery Weekend" vom 1. bis 3. Mai will man sich zu einer kleinen feinen Schau wiedertreffen. Neben Nagel werden die Hamburger Dieter Asmus, Dietmar Ullrich und das Berliner Bildhauerpaar Christa und Karlheinz Biederbick Arbeiten auf Papier und Leinwand zeigen.
Begonnen hatte alles an der Hamburger Hochschule der Künste am Lerchenfeld. Nagel, Asmus, Ullrich und Nikolaus Störtenbecker aus der Malereiklasse fühlten sich als Außenseiter und hatten die Nase voll. Abstraktion, Tachismus, Action-Painting, ein "hemmungsloser Expressionismus", das sei damals in den Sechzigern das gängige Stildiktat gewesen. "Wir empfanden das als beliebig", sagt Nagel. Die Abweichler spürten prompt Gegenwind und seien damals fast von der Hochschule geflogen. "Man sagte uns, wir sollten Bilder malen, nicht zerstören. Jede harte Kontur, jeder Realismus galt eben als unkünstlerisch." Umgekehrt muss man sich auch keine akademischen Fundamentalisten vorstellen, wenn man an die vier jungen Hamburger Maler denkt. Wer die frühen Bilder von Nagel kennt, sieht die Nähe zu Asger Jorn und Jean Dubuffet. "Ja, das Spielerische daran habe ich gemocht", sagt der Maler mit Blick auf die Arbeiten der frühen Jahre.
Eine Zeitlang. Bis sich Plastizität und Fläche aus dem informellen Nebel lösten und die vier jungen Maler selbstbewusst ihren Weg weitergingen. Mit aller Konsequenz setzten sie 1965 ein Manifest auf, das in heutiger Lesart dogmatisch klingt: "Die Unverbindlichkeit der Künste muss aufhören", fordern die Mitglieder des Kollektivs gleich im ersten Punkt. In neun weiteren deklinieren sie die Formensprache ihres "Neuen Realismus" durch, dessen Regeln sie sich fortan als Gruppe Zebra zu eigen machen. Nikolaus Störtenbecker, heute einer der Norddeutschen Realisten, verlässt die Gruppe früh. Später dann, 1976, erweitert sie sich um das Berliner Bildhauerpaar Christa und Karlheinz Biederbick.
Das widerborstige Zebra mit seinem auffälligen Streifenmuster stand als Namensträger der Gruppe für das Außenseitertum des Künstlerkollektivs. "Wir sind ja immer im Gegenwind gewesen", resümiert Peter Nagel und erzählt, wie die jungen Maler die Rückbank eines VW-Käfers mit 60 atelierfrischen Bildern beluden und sich auf gemeinsam auf "Werbetour" für ihre Sache machten. Das Ergebnis: zwölf Ausstellungen in Kunstvereinen und renommierten Museen zwischen Oldenburg und Recklinghausen schon in den ersten zehn Zebra-Jahren. Internationale Auftritte in Rom, Aalborg und Skopje (Mazedonien) folgten, bis die Gruppenmitglieder Ende der Siebzigerjahre eigene Wege verfolgten.
Was gelten sie heute noch für Peter Nagel, die zehn Gebote des Künstlerkollektivs von 1965? Man müsse dem Bild anmerken, dass es ein Bild aus unserer Zeit sei, sagt der Maler: "Ich möchte gern ein Zeitgenosse sein."