Die Nacht sinkt auf Berlin-Babylon

Die Nacht sinkt auf Berlin-Babylon

Berliner Zeitung, Nr. 16, 19.Januar 2011

"Der Maler Reinhard Stangl nennt seine dynamischen Großstadtbilder in der Galerie Lux "Die Elektrifizierung der Bibel

Also, wenn dieser Maler gläubig ist, wenn er die Bibel thematisch einbezieht in seine großen Leinwände, dann bestimmt nicht im Sinne von "fromm". Eher ironisch. Reinhard Stangl, der seine neueste Großstadt-Serie "Die Elektrifizierung der Bibel" nennt, glaubt, das ist nicht zu übersehen, wohl einzig und allein an den Gott Malerei, an ein Faszinosum aus Farbe und Tempo.

Auf Nachtansichten versesessen, jagt der gebürtige Leipziger, 61, einst ausgebildet an der Hochschule für Künste Dresden, 1980 mit unbändiger Lust auf Welt in den Westen gegangen und heute ein überzeugter Kreuzberger, den Leuchtspuren von Autos und Bahnen, dem Lichtschimmer der Straßenlaternen nach. Die Glasfassaden des neuen Berlin huschen vorbei, Spiegelbilder auf regnerischem Asphalt leuchten auf und verlöschen, um als orange betupfte, von Männersilhouetten beherrschte Ansicht der Paris-Bar aufzutauchen – so das Alte, Verbliebene im furiosen neuen Stadtbild deutlich zu machen. Stangls Bildwelt, das ist bis zum Rahmen angefüllte Mal-Lust, Farbmagie, Lebenshunger. Sein Großstadtleben bei Nacht und bei Tag ist futuristisch, der Maler agiert wie ein sich schnell fortbewegender Durchreisender, der bloß nichts verpassen, alles aufsaugen und in dynamischer Malsprache festhalten will. Überdruss an Stadt, Turbulenz, Hektik, Lärm scheint dieser Künstler nicht zu kennen. Er holt seine Kraft aus dem Babylonischen, Verwirrenden, Rastlosen, Ungesättigtem. Altes und Neues sind bei ihm keine Gegensätze. Stangles Malerei schätzt gleißende Reklame genauso wie das alles verschluckende Nachtschwarz. Man darf an Vorbildern von van Gogh über Degas bis zu Kirchner denken, aber die Leichtigkeit, mit der Stangl sein Berlin malt, das ist ganz heutig: Leben, hier und jetzt! (ir.)