Elektrifizierung der Bibel

Elektrifizierung der Bibel

Tagesspiegel, 28. Januar 2012

Die Kunst
"Elektrifizierung der Bibel" nennt Reinhard Stangl seine soeben in der Berliner Galerie Lux eröffnete Ausstellung, die neben mehr als 30 bisher noch nicht gezeigten Bilder auch das oben abgebildete "Babylon" enthält. Der Titel der Schau meint dabei kaum etwas Biblisches, es ist eher eine ironische Anspielung auf den "Licht"-Namen der Galerie und das Fortschrittspathos etwa der russischen Revolutionskünstler. Tatsächlich geht es in den oft großflächigen Gemälden und Gouachen um eine malerische Sinfonie der vor allem nächtlich gleißenden, irrlichtend erleuchteten Großstadt – im bewussten Anklang zugleich an den explosiven, himmelstürmenden, formtürmenden Gestuts des deutsch-berlinischen Expressionismus. Die Farben kommen mitunter auch von südlichen Städten wie Sao Paulo und Rio de Janeiro, wo der Berliner Stangl in den letzen Jahren immer wieder gearbeitet und mehrfach ausgestellt hat. Manchmal gleichen die Szenerien der Innenräume eines Films: Bars mit den letzten Tänzern, den berauschten Begierden, den übernächtigten Melancholikern. Die Ausstellung in der Galerie Lux am Schöneberger Südwestkorso 11a läuft bis zum 25. Februar. Dort gleich um die Ecke liegen auf dem Friedhof Stubenrauchstraße Marlene Dietrich und Helmut Newton begraben. Auch das passt ins Bild.

Der Künstler
Reinhard Stangl, geboren 1950 in Leipzig, lebt seit 1977 als Maler in Berlin. Stangl studierte an der Hochschule für Bildene Künste in Dresden, wo er in 70er Jahren zusammen mit Künstlerfreunden wie A. R. Penck, Peter Herrmann und Hans Scheib die offizielle Doktrin des Sozialistischen Realismus kritisierte. 1980 übersiedelte er von Ost-Berlin in den Westen. Arbeitsort ist heute sein Atelier in einem Loft in der Kreuzberger Oranienstraße. Seit den 80er Jahren waren seine Bilder in zahlreichen Einzel-und Gruppenausstellungen in Berlin, u.a. im Haus am Waldsee, in der Berlinischen Galerie und im Märkischen Museum, sowie in internationalen Museen und auf Kunstmessen zu sehen – zuletzt in Sao Paulo oder bei der Biennale in Peking 2010. Anlässlich des Mauerfall-Jubiläums wurde er mit neun anderen Berliner Künstlern in der Ausstellung "Breakthrough!" in Chicago, Washington und weiteren US-amerikanischen Städten präsentiert.