Bleibende Irritation

Bleibende Irritation

Märkische Oderzeitung, 19.12.2012

Berlin (MOZ) Ihre Figuren blicken abwesend, manchmal hochmütig. Sie ragen aus der Wand, unterbrechen den Raum und nehmen ihn ein. Es ist, als würde der Betrachter sie stören, bei einem wichtigen Gedankengang, einer Überlegung, die noch nicht abgeschlossen ist. In sich gekehrt, bei sich und trotzdem unterwegs - allein die Gegenwart eines Menschen scheint diesen inneren Prozess zu unterbrechen.

Die Bildhauerin Katharina Gerold fertigt ihre markanten Gesichter aus Ton oder Bronze. Sie heißen "Who are you" in unterschiedlichen Nummerierungen. "Wer bist Du?" - der du von der einen Seite grimmig und angespannt, von der anderen zögerlich und ein wenig verloren wirkst? Diese Männer und Frauen sind auf der Durchreise, sie irritieren.

Auch die großformatigen Bilder von Sibylle Prange lösen Irritationen aus. So schön ihre Landschaften scheinen, so einsam und apokalyptisch sind sie. Als blicke man auf das Ende der Welt, fast immer menschenleer, die Natur zurückgedrängt. Der Grund wirkt matschig, vielleicht schwimmt in der angedeuteten Pfütze ein Rest Öl. Wer soll diese Landschaften bewohnen? Wer wird sich hier heimisch fühlen?

Pranges Bilder führen in die Irre. Eigentlich laden sie zum Schwelgen in himmlischem Blau und endloser Weite. Doch etwas stoppt den Genuss wie ein innerer Alarm: Der Ist-Zustand scheint zerbrechlich. Jederzeit könnte hier etwas geschehen, möglicherweise sogar eine Katastrophe. In diesen Bildern richtet sich niemand lieblich ein, instinktiv sind die Sinne geschärft, Spannung überträgt sich.

Die Berliner Galerie Lux im beschaulichen Stadtteil Friedenau zeigt noch bis Mitte Januar die so unterschiedlichen Werke der beiden Künstlerinnen. Die Präsentation funktioniert erstaunlich unkompliziert. Die Figuren und Skulpturen von Katharina Gerold und die in Öl auf Leinwand gemalten Bilder von Sibylle Prange hängen im Wechsel. Das führt nicht zu Konkurrenz, auch nicht zu Ergänzung. Es ist, als sollte diese Kombination genauso sein, kein Werk läuft dem anderen den Rang ab, nichts nimmt dem anderen die Wirkung.

Katharina Gerold, 1963 in Gera geboren, studierte Architektur und Kunst in Dresden. Sie lebte lange in Amsterdam und Paris und arbeitete als Architektin in Berlin, wo sie im Prenzlauer Berg zu Hause ist. Neben ihren schrundig bearbeiteten Köpfen sind in der aktuellen Ausstellung auch einige Skulpturen zu sehen. Hier wachsen Menschenknäule aus der Wand, die Gruppen wirken trotz ihrer Nähe zueinander unbehaust und verloren. Aus erdfarbenen Reliefs erheben sich die hochgewachsenen Gestalten, die alle einem Ziel zuzustreben scheinen.

Claudia Seiring